Was ging im Odenwald?

Archivierte Fassung des Blogbeitrags von „Endlich! Gutes.“ vom 13. November 2023, verfasst von Thomas Hobein.

Eine Jugend in Südhessen im ausklingenden 20. Jahrhundert

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Ende Juli 2023. Jan Steinert fährt den VW-Bus von Weinbau Emmerich. Ich sitze auf dem Beifahrersitz. Er steuert den Bus zu den Orten hier in der Region, die ihn in den Achtzigern und Neunzigern maßgeblich geprägt haben. Wo er und seine Buddies sich rumgetrieben, gefeiert, gechillt oder Musik gemacht und gehört haben. Er zeigt mir diese Plätze, erinnert sich und erzählt mir davon. Warum er das tut? Weil ich ihn gefragt habe.

Ich bin im Herbst 1985 in dieser Region gelandet. Genauer gesagt am Nordrand des Odenwaldes. In Wembach-Hahn, einem Ortsteil von Ober-Ramstadt. Meine studentischen und privaten Interessen führten mich aber nach Darmstadt und manchmal auch nach Frankfurt, aber niemals, wirklich niemals nach Osten oder gar Süden. So habe ich von einer »Szene« im ländlichen Raum Südhessens so überhaupt nix mitgeschnitten. Jetzt wollte ich es aber wissen.

Jan Steinert und ich gönnen uns also einen Tag und begeben uns auf Spurensuche kreuz und quer zwischen Ober-Roden und Erbach. Zurück in eine Zeit ohne Internet, Streaming, Mobile. In eine Zeit, in der Busse nur zwei- oder dreimal am Tag fuhren. Also höchstens. Ich fühle mich ein wenig wie Bilbo in der »Der kleine Hobbit oder hin und wieder zurück« – nur eben ohne Drachen. Und Jan … Jan fährt.

Jan TH Steinert …

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Musiker, Kameramann, Fotograf, Künstler und Jahrgang 1967 – kommt aus Hering. Wir cruisen durch den Ort, der zur Gemeinde Otzberg gehört. Fahren vorbei am kleinen Haus der Eltern und Jan erinnert sich an die frühen Siebziger. An seinen Vater, den Lufthansa-Navigator. An das Toben durch endlose Felder. Die Grundschule im Schatten der Festung – hier Veste genannt. Und an den Bauernhof, auf dem er als Kind kräftig und »unverzichtbar mitarbeitete«. Aber dann irgendwann nahm er den Schulbus nach Groß-Umstadt, nur um wenige Jahre später nach einer Party auf der Heimfahrt auf den Hering sein Mofa zu zerschreddern.

… lebt wieder in Groß-Umstadt

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Täglich flaniert er durch die Stadt, in der er das Max-Planck-Gymnasium besucht hat. Er fotografiert und postet seine Bilder, denkt oft an die Schulzeit und seine aktive Zeit als Leichtathlet zurück. Vor allem aber an seine Band »Insanity«, schnell umbenannt in »D’Innsect« und den ersten Auftritt im Kellergewölbe des Weingutes Brücke-Ohl. An den Gig auf einem Festival in der Stadthalle, an Weinfeste und das Cactuszelt. Und daran, dass man in Bewegung bleiben muss, um zu leben. Nicht nur hier, sondern überall. Und immer.

… ist manchmal in Darmstadt

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Wir stehen vor der Oettinger Villa. Jan spricht von Partys und Konzerten. Dann erinnert er sich an die Krone und die Bessunger Knabenschule und ans Eledil, dem ehemaligen Saunaclub in der Adelungstraße. An Gigs im Herrngarten und in der Krone, an andere Auftritte, Konzertbesuche, Uli’s Musicland und Musikhaus Crusius. Bier und Apfelwein. An Kumpels und Begegnungen. Und an die Musik. Immer wieder an die Musik.

… vermisst das BKA in Münster

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Vor uns erhebt sich der Schützenhof in Münster. In den Neunzigern Raum für den Verein »Bildung, Kultur und Arbeit, kurz BKA. Heute nur noch ’ne Ruine. Damals Kneipe, Konzertbühne und Kulturzentrum. Und Jan? Auf der Bühne, vor der Bühne, aber immer mittendrin. Rock ’n Roll meets Punk. Und seitdem weiß er, dass ein Feuerlöscher kein Ersatz für eine Nebelmaschine sein kann.

… trieb sich draußen rum

Dunkle Räume, erfüllt von Rauch und harten Klängen, waren das eine und überall der Odenwald das andere. Auch draußen unter freiem Himmel spielte die Musik. Gepflegtes Abhängen, Party, wo es ging. Im Wald und mitten zwischen alten Mauern. Alles war Location. Auch die Ruine Rodenstein. Mit Bier vom Fass und Riesenfeuer. Mit Sicherheit verboten und deshalb umso geiler. So wie das Bad im Meßbach-See es jetzt noch ist.

… war ein Zivi

Essen auf Rädern. Aus Erbach frisch auf den Tisch. Mit Zimmer im Schwesternwohnheim. Und abends ins Sound, in die Melange aus Freaks und Punks. Oder auf ein Bier im Felsenkeller. Zu den UK Subs im Heidelberger Schwimmbadclub und sonst wohin. Und selber Mucke machen. Im Hainhaus neben alten Römern.

… besetzte Häuser

Mit Übungsraum im Keller und nix auf der Tasche. Zu acht in Ober-Roden. Dort praktizierte er täglich Subkultur und war Student – Kunstpädagogik mit Schwerpunkt Film. Er malte, sang und provozierte. Lebte. Wurde Kameramann in Frankfurt. Und ist jetzt wieder hier, musiziert mit Reiner Dörr in Hering. In Hering, wo alles begann und er mit dreizehn seine erste Gitarre bekam.

… rauschte damals einfach durch die Nacht

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Natürlich nicht durch jede Nacht, doch schon durch viele. Zum Festival ins Volkshaus Ober-Klingen. Nach Darmstadt, Münster, bis nach Heidelberg. Am Freitag ins Red Stone in Fränkisch-Crumbach. Und auf dem Rückweg vom Schuppe rief frisches Backwerk beim Mondscheinbäcker Riedl. Dann bricht er an, der neue Tag. Mit der Erkenntnis:

»Ohne Auto ging gar nix, aber es ging was – auch ohne Internet und Handy.«

Das sagt Jan Steinert. Und dass es so war. So, und nicht anders. Damals in Hessens tiefem Süden. Im Odenwald und drum herum.

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Fotos: Ralf »Sid« Willner, Jan Steinert, Thomas Hobein und weitere Fotos aus privatem Besitz
Montagen: Thomas Hobein

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Das Projekt »Jan Th. Steinert«

endlichgutes

Eintracht-Fans werden sich an »Tore und die Chef Kolter Band« sowie an die Songs »Eintracht« und »Riederwald« erinnern. Chef Kolter hat bei Thomas von „Endlich! Gutes.“ die Maske, respektive die Decke, fallen gelassen und seine wahre Identität offenbart.

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Standortbestimmung

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Gitarrist, Sänger, Texter, Künstler. Punk- und Alternativbands. Fotograf und Kameramann. Frankfurt, Ober-Roden, Groß-Umstadt. Kellerstudio bei Reiner Dörr in Hering. Kreuz und quer durch Jans Leben geht’s im Interview bei „Standort! – Das grenzunterschreitende Musikmagazin“.

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